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Oswald von Wolkenstein: Ich spür ain tier
Oswald von Wolkenstein: Ich spür ain tier (Kl 6)
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Ich spür ain tier
mit füssen brait, gar scharpf sind im die horen;
das wil mich tretten in die erd
und stösslichen durch boren.
den slund so hat es gen mir kert,
als ob ich im für hunger sei beschert,
Und nahet schier
dem herzen mein in befündlichem getöte;
dem tier ich nicht geweichen mag.
owe der grossen nöte,
seid all mein jar zu ainem tag
geschübert sein, die ich ie hab verzert.
Ich bin erfordert an den tanz,
do mir geweiset würt
all meiner sünd ain grosser kranz,
der rechnung mir gebürt.
doch wil es got, der ainig man,
so wirt mir pald ain strich da durch getan.
     
Ich bemerke ein Ungeheuer mit breiten Klauen und scharfen Hörnern, das will mich in den Boden stampfen und mit einem Stoß durchbohren. Es hat seinen Rachen auf mich gerichtet, als käme ich ihm zum Fressen gerade recht. Es nähert sich schnell meinem Herzen, das es offensichtlich töten will; ich kann ihm nicht entfliehen. Ach, welch große Not! Denn alle Jahre, die ich hier vertan habe, sind zu einem (einzigen) Tag aufgehäuft. Ich bin zu einem Tanz aufgefordert, wo man mir einen großen Kranz all meiner Sünden vorhalten wird. Die Rechnung muß ich bezahlen. Aber wenn es Gott, der Eine, will, dann wird ein Strich dadurch gemacht.
     
II    
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Erst deucht mich wol,
solt ich neur leben aines jares lenge
vernünftiklich in diser welt,
so wolt ich machen enge
mein schuld mit klainem widergelt,
der ich laider gross von stund bezalen müss.
Darumb ist vol
das herzen mein von engestlichen sorgen,
und ist der tod die minst gezalt.
o sel, wo bistu morgen?
wer ist dein tröstlich ufenthalt,
wenn du verraiten solt mit haisser buss?
O kinder, freund, gesellen rain,
wo ist eur hilf und rat?
ir nempt das güt, lat mich allain
hin varen in das bad,
da alle münz hat klainen werd,
neur güte werck, ob ich der hett gemert.
 
     
Erst jetzt wird mir bewußt: Dürfte ich nur ein Jahr lang noch in dieser Welt vernünftig leben, dann könnte ich in kleinen Raten (oder: durch kleinere Rückzahlung) meine Schuld verringern, die ich leider nun mit einem Mal in ganzer Größe begleichen muß. Deshalb ist mein Herz voll drückender Sorgen, von denen die Angst vor dem Tod (noch) die kleinste ist. Wo bist du morgen, Seele? Wer gibt dir hilfreichen Schutz, wenn du mit heißer Reue (?) die Abrechnung leisten mußt? Ihr Kinder, Verwandte, liebe Freunde (?), wo ist euer Rat und eure Hilfe? Ihr nehmt das Erbe in Besitz und laßt mich allein in das Bad fahren, in dem keine Münze einen Wert hat außer den guten Werken, wenn ich solche nur angesammelt hätte!
     
III    
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Allmächtikait
an anefangk noch end, bis mein gelaite
durch all dein barmung göttlich gross,
das mich nicht überraite
der lucifer und sein genos,
da mit ich werd enzuckt der helle slauch.
Maria, maid,
erman dein liebes kind des grossen leiden!
seit er all cristan hat erlost,
so well mich ouch nicht meiden,
und durch sein marter werd getrost,
wenn mir die sel fleusst von des leibes drouch.
O welt, nu gib mir deinen lon,
trag hin, vergiss mein bald!
hett ich dem herren für dich schon
gedient in wildem wald,
so für ich wol die rechten far:
got, schepfer, leucht mir Wolkensteiner klar! etc.
     

Allmächtiger, der du keinen Anfang und kein Ende hast, gib mir um deiner großen göttlichen Barmherzigkeit willen dein Geleit, damit Luzifer und seinesgleichen mich (bei der Abrechnung) nicht als Schuldner erweisen und ich dem Rachen der Hölle entrissen werde! Maria, Jungfrau, erinnere dein liebes Kind an sein großes Leiden! Der alle Christen erlöst hat, er möge auch mich nicht verschmähen; seine Passion komme mir zur Hilfe, wenn meine Seele die Fesseln des Leibes verliert. Ach Welt, gibt mir jetzt deinen Lohn, geh deinen Weg, vergiß mich schnell! Wenn ich nicht dir, sondern dem Herrn im abgelegenen Wald (als Einsiedler?) gedient hätte, dann wäre ich auf dem richtigen Weg. Gott, Schöpfer, gib mir, dem Wolkensteiner, dein helles Licht!

(Nhd. Übersetzung von Meinolf Schumacher)

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