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Bertold Brecht: Salzburger Totentanz

Bertolt Brecht: Salzburger Totentanz, 1948.

 

RUNDGANG DES TODES

 Drei Zimmerleute bauen an einer Brücke, ihr Polier ist der Tod.

 TOD

Hoch den Balken, vorwärts, ihr!

 ERSTER ZIMMERMANN

Er ist schwer für drei, Polier!

 TOD

Zeit ist Geld, voran, voran!

 ERSTER ZIMMERMANN

Nicht für uns, mein lieber Mann.

 TOD

Keine Scherze! Machts mit bissel Singen
's wird euch, ohne daß ihrs merkt, gelingen!

 ERSTER ZIMMERMANN singt:

Ach, des Armen Morgenstund, horruck!
Hat für den Reichen Gold im Mund, horruck!

 TOD

Leut, bei solchen Liedern gibts mir einen Riß
Sie sind mir ein Ärgernis.
Ich fühl, sie sind gegen mich gericht'
Darum mag ich solche Lieder nicht.
Da ist doch nichts darin als Haß
Warum singt ihr nicht so etwas:
»Zum Glücklichsein brauchts nicht Gut noch Kron
Arbeit hat in sich selbst ihren Lohn«?
Bück dich, du da, Käsgesicht!
Ich seh, daß dirs an Mut gebricht.
Bück dich, du Memme, schon dich nicht
Sonst schick ich dich ohn' Lohn nach Haus.

 ZWEITER ZIMMERMANN

Und bück ich mich und schon mich nicht
Schickst du mich heim, die Füß voraus!

 BAUMEISTER kommt hinzu:

Was ist?

 TOD

Was immer ist: die Kreatur
Regt sich halt unter der Geisel nur.
Baumeister, ich hätt einen Rat für dich:
Die Brück so baun geht mir gegen den Strich.
Es gift mich, daß ich soviel teure Bohlen verbrauch
Mit einem Drittel gings doch auch.
Schau her, ich trampel drauf herum
Er springt auf die Brücke und trampelt herum.
Da kannst du sehn, sie fällt nicht um.

 BAUMEISTER

Polier, ich dank dir für dein Vorbedacht
Aber die Brück wird für den Kaiser gemacht
Mit dieser Brück wird nicht gespart
Weil auf der einmal alles fahrt
Was zum Kaiser selber darf
Drum sind die Prüfer da recht scharf
Und gäb es viele, die zum Kaiser kommen
Hätt ich noch dreimal mehr Balken genommen.

 TOD

Baumeister, bau dir deine Brück allein.
Ich lieb die Berechnungen scharf und fein.
Als ob wir keine Arithmetik hätten!
Da bau ich lieber Häuser in den Vorstädten.
Meine Spezialität ist »Das Dach überm Kopf«
Vier kinderarmdünne Balken, die ich mit Lehm verstopf!
Wände, zart wie Eierschalen
Alles konstruiert nach genauesten Zahlen.
Ich bin nämlich im Rechnen groß
Eine Arbeit wie die hier langweilt mich bloß!
Er geht zornig weg, die Baupläne hinschmeißend.

 AUS DER REDE DES TODES AN DEN KAISER

Kaiser, ich hatt ein schlechtes Jahr
Mein Geschäft ist nit mehr, was es war
Hab schon keine Lust mehr an meiner Arbeit
Fühl mich (kränklich und) gealtert vor der Zeit
Werd ich doch überall geprellt
Geschnitten, verfolgt und kaltgestellt.
Was soll, frag ich, aus mir werden:
Ich leid schon an solchen Atembeschwerden.
Treten auf bei bestimmten Gerüchen und Geräuschen
Kann mir da länger nix vortäuschen.
Ist schon soweit, daß ich gleich einpack
Wenn ich zwei Taler klingeln hör in ei'm Hosensack
Oder Geldscheine riech und Kassenbücher
Da brauch ich gleich um den Kopf nasse Tücher
Denn nix vertreibt mich aus meinem Feld
So grausam wie dies verdammte Geld.
Als mich dereinst der Herr bestellt
Daß ich ein Wechsel bring in die Welt
Sollten sein vor mir alle Menschen gleich
Da war nit die Red von Arm und Reich
Und daß mir einer, der mir gefällt
Vor die Nas' einen Beutel mit Talern hält
So daß ich nit mehr an ihn kann
Und wär er gleich ein alter Mann.
Was sollen die Leut von mir denken, ach
Wenn sie sehn, wie ich solche Unterschied mach
Und vor einem rechten Vieh
Mit Gut und Geld meinen Schwanz einzieh
Und hol ein paar Häuser weiter anstatt
Einen guten Menschen, der nix hat?
Als daß ich parteiisch mit Stiel und Stump
Und bin ein ganz korrupter Lump.

ANTWORT DES KAISERS AUF DIE REDE DES TODES ÜBER DIE SCHLECHTE NACHREDE

Gevatter Tod, beruhig dich
So schimpfen die Leut auch über mich.
Und unterscheiden nur zur Not
Noch den Kaiser und den Tod.
Ziehn sie uns aber herum im Maul
Heißts für uns beide: los und nicht faul
Und ihre Mäuler gestopft, was dann
Auf zweierlei Art geschehen kann:
Entweder mit einem Gänsebraten
Und das würd ich nicht anraten
Oder, und das ist wissenswert
Einfach mit einer Handvoll Erd.

DER TOD

Wunder dich nicht, daß ich mir soviel arme Leut kauf:
Gegen die Reichen komm ich nicht auf.
Die verbarrikadieren sich in einem festen warmen Haus
Und halten den strengsten Winter aus.
Und als Medizin haben sie immer ein Häufel frischen Salat
Und ein gutes Stück durchwachsenen Speck parat.
Die würzige Luft von einem ganzen Wald
Nimmt so einer als seinen Aufenthalt.
Und daß es Bewegung hat, gebührend seinem Stand
Reitet es unter Umständ zwei Gäul zuschand.
Das bezahlt als Diener ein Dutzend Doktoren
Die haben sich gegen mich verschworen
Daß sie für ein fettes Honorarium
Stehen um den Patienten herum
Und verbreiten in der Luft einen solchen Gestank
Daß, wenn ich würd ich krank.

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Anschrift

Europäische Totentanz-Vereinigung, Dr. Uli Wunderlich, Josephstr. 14, D-96052 Bamberg
Telefon +49 951 2972832, Fax +49 951 2972859, Mail: webmaster@totentanz-online.de